Archiv für Mai 2021

Fritzdorfer Windmühle

Von Angelique Kurkistaa-Kivi

Einrollen am Rhein, zwei Steigungen, schöne Abfahrten, 56 km, 520 Höhenmeter steht in der Streckenbeschreibung im RCB-Archiv. Was heißt das schon, denn so verlaufen doch viele der Touren beim RCB. „Einrollen, das kann viel bedeuten!“ sagt A., meine beste Freundin, die mich heute zu der Tour beim RCB mitgebracht hat. „Wenn die Gruppe groß ist gibt es schon nach den ersten 200 Metern auf der Rheinbrücke eine lange Kette und Du musst aufpassen, dass du nicht den Anschluss verlierst“. Na ja, das kann heiter werden. Also am besten nicht ganz hinten fahren, sondern ziemlich weit vorne. Der Guide scheint ja auch ein ganz Netter zu sein, und noch so jung!

„Sie fahren wieder durch die kleinen und engen Straßen in Plittersdorf, da musst Du aufpassen. Und dann schau mal in Godesberg, das sind echt fantastische Villen da.“ sagt A., aber ich kann sie kaum hören, ich muss hier wirklich aufpassen beim Fahren. Und jetzt sind wir direkt im Zentrum von Bad Godesberg, eine Ampel, noch eine Ampel, langsam fahren, noch eine Ampel, nur rechtzeitig aus dem Pedal kommen!

Da vorne gehts rechts ab, scheint eine Seitenstraße zu sein – o Gott, die ist ja richtig steil! „Schalte zurück!“ ruft A., dann höre ich sie noch über ihre eigene Schaltung fluchen, die gerade ziemlich gekracht hat. Das Geplauder in der Gruppe hört schlagartig auf. Der Guide mahnt zum gleichmäßigen Fahren, und das ist hier auch echt nötig, scheint ja überhaupt nicht aufzuhören! Schweinheim heißt das hier, passt irgendwie.

Endlich Wald, endlich flacher! Ein Parkplatz, wir werden langsamer, bleiben stehen, denn die Gruppe hat sich ziemlich in die Länge gezogen. Ein wenig stolz bin ich aber, die ganze Zeit konnte ich vorne bleiben. Und da kommt auch A., mit hochrotem Kopf. „Diese scheiß Schaltung!“ schimpft sie, „Jochen hat sie mir doch richtig eingestellt, sagt er – aber das war wohl nichts!“

Alle, oder die meisten scheinen wieder zu Atem gekommen zu sein. Wir fahren langsam los, und tatsächlich, die Unruhe vom Anfang scheint weg zu sein. Wir genießen die gute Luft, es wird wieder geplaudert, das lockere Dahinrollen macht jetzt wirklich Spaß. Das ist wohl dieser Kottenforst, von dem alle immer erzählen. Oder heisst der „Crossenforst“? Alles biegt nach links ab, einige Spaziergänger und Radfahrer scheint es hier auch zu geben. Villiprott erklärt A., die jetzt neben mir fährt. Nettes Dörfchen. Als wir aus dem Ort herauskommen zeigt der Guide auf einen Wald auf der anderen Seite des Tals. „Da müssen wir gleich hoch“ höre ich ihn rufen – und dann sehe ich dort auch eine Straße. Aha, ist das jetzt die zweite Steigung?

Erstmal geht es ein Stück runter. Das Schloß hier sieht interessant aus. Das Tor ist geöffnet und ich kann ganz kurz im Vorbeifahren den Innenhof sehen. Burg Gudenau sagt A., „da kann man seit einiger Zeit auch reingehen und sich alles anschauen“. Das ist doch ein Plan für eine gemütliche Tour für demnächst.

Ok, jetzt kommt die Steigung. „Freie Fahrt, aber oben auf die anderen warten!“ ruft der Guide, und als diese Jungs von hinten an mir vorbeischießen weiss ich, was gemeint ist. Tief gebeugt über dem Unterlenker liefern die sich doch tatsächlich einen Sprint! Na ja, sind auch auch knackige Typen. Wir dagegen fahren unser gleichmäßiges Tempo, orientieren uns am Guide. A. ist neben mir – und so geht es doch auch, schon sind wir oben, wiederum nicht an letzter Stelle der Gruppe. Die Jungs sind schon längst oben, fühlen sich wohl sehr cool, jetzt kommen sie uns auch noch entgegen, versuchen, nicht angestrengt auszusehen.

„Zweierreihe!“ höre ich von vorne – und schon rollen wir wieder, das wird ja richtig schnell! Schön im Windschatten bleiben, die Linie halten, super! Ein paar Häuser, Arzdorf lese ich noch kurz auf dem Ortsschild, gehört wohl alles zu Wachtberg. Freies Feld, wieder läuft es gut, jetzt Betonpflaster – „Hier ist Fritzdorf“ ruft der Guide, „bald kommt die nächste Steigung zur Mühle!“ Wir fahren links, wir fahren rechts, und da kommt sie auch schon. Wieder schön gleichmässig fahren, die Gruppe scheint zusammenzubleiben. Links und rechts blühende Obstbäume, weiter hinten und ein Stück weg viel Wald, davor ein tiefes Tal. „Von hier aus ist es nicht mehr weit ins Ahrtal, und von da aus könnten wir auch mal zur Hohen Acht fahren“ sagt A., die mit ihrem Jochen hier schon öfter unterwegs war.

„Gleich sind wir oben, und da seht ihr auch den Namensgeber unserer Tour – die Fritzdorfer Windmühle“ ruft der Guide. Wir bleiben stehen, ein bisschen stolz, dass wir auch diese Steigung so gut hochgekommen sind. Einer fragt jetzt nach „Biopause“ und ich sehe schnell, was damit gemeint ist, denn die Jungs stehen bereits hinten am Gebüsch. Und endlich auch mal Zeit, dass ich meinen Riegel esse. Beim Umschauen sehe ich ein Schild mit interessanten Fotos und Landkarten: Krönungsstraße. Das war hier im Mittelalter so eine Art Autobahn für den ganzen Handelsverkehr, ich lese, dass die Kaiser hier nach der Krönung in Frankfurt auf dem Weg nach Aachen durchkamen. Und heute ist es nur noch ein einfacher, einsamer Weg.

Dann den Berg runter – hier ist jetzt ist alles ganz neu: Werkshallen, darunter ein riesiger Block, ziemlich klobig in der schönen Landschaft. Ein großer Schriftzug: „Haribo“, offensichtlich die neue Produktion, nachdem sie aus Bonn weggegangen sind. Das sollte jetzt nicht mehr „Hans Riegel Bonn“ sondern Harigra heißen – „Hans Riegel Grafschaft“. Und links eine weitere Halle – „H&S Bike-Discount“ – also von hier kommen die Sachen, die ich bei denen bestelle!

Jetzt unter der Autobahn durch, ein paar Orte, ein paar Abzweigungen, ich kann nicht recht erkennen, wie das hier alles heisst. Die starken Jungs sind nach vorne gegangen, der Guide fährt in der zweiten Reihe, immer schön dran bleiben, ich muss mich kaum anstrengen, das ist wohl dieser Flow, von dem die Radfahrer immer reden. Ich schaue rüber zu A., denke an das ein oder andere – und jetzt nochmal Tempo und wir scheinen ewig lange runterzufahren!

Eine Kreuzung, Stopp. „So,“ lästert der Guide, „nach einer schönen Abfahrt kommt auch meistens ein schöner Anstieg.“ „Der Guide ist heute mal wieder ziemlich sarkastisch mit seinen Bemerkungen!“, sagt A. kurze Zeit später, als ich nun doch etwas hechelnd im Anstieg kämpfe. „Hier in Kirchdaun sind das stellenweise 7% Steigung, ich habe in Komoot nachgesehen. Aber oben wirds besser, wenn wir an die Straußenfarm kommen.“

Straußenfarm? Klingt interessant! Und tätsächlich sehe ich weit hinten einige dieser Riesenvögel stehen. Ein Frühstücksei von einem Vogel Strauß zu essen, das würde für die ganze Familie reichen.

„Die längsten Steigungen haben wir jetzt alle hinter uns – nun kommen nur noch ein paar kleinere Wellen“ ruft der Guide den Leuten zu, die jetzt nach und nach den Berg hinaufkommen. „Du mit Deinen Wellen, die Sprüche kennen wir doch!“ schimpft der letzte in der Gruppe. Aber die Stimmung in der Gruppe ist gut. Und die schönen Jungs stehen aber schon wieder betont locker herum, für sie scheint das alles easy zu sein. Gut, dass sie uns jetzt wieder von vorne den Windschatten geben.

Ein Stück durch einen Wald, wenn das hier die erwähnten Wellen sind kann es ruhig so weiter geben. Birresdorf, Abzweigung nach rechts, na ja, das hier ist für mich aber eine richtige Steigung! Dauert aber nicht lange. „Der höchste Punkt auf unserer Tour und ab hier sind wir wieder in Nordrhein-Westfalen.“ belehrt uns der Guide. Weiter Blick über die Landschaft – und da drüben sehe ich das Siebengebirge mit dem Petersberg.

Wir sind nun alle glücklich – es geht nur noch runter, und es rollt richtig gut. Eine Ampel, eine Hauptstraße, dann eine Landstraße über eine Art Hochebene. Unsere Lokomotiven vorne lassen sich nicht lumpen und ziehen die ganze Gruppe – schön für uns. Wenn wir nachher noch im Biergarten vorbeischauen, könnten wir ihnen dafür ja ein Bier ausgeben, wer weiss. Nun aber nochmal konzentrieren, denn der Guide ruft „Einerreihe und Abstand!“ – es wird schnell und wir brettern mit 45 km/h den Berg hinunter. Eine kurze „Welle“ – Linkskurve, scharf rechts und dann stehen wir alle an einer roten Ampel. Bonn!

Auch so kann es am Rheinufer manchmal aussehen. Januar 2018

Mit der frischen Luft scheint es vorbei zu sein, auch gibts viele Autos hier. „Das dauert aber nicht lange, und dann sind wir am Rhein.“ sagt A., ich sehe auch schon die Straße zur Fähre. Nun wird es wirklich locker, die einzige Herausforderung auf dem Weg am Rhein sind die vielen Leute auf Rädern und zu Fuß. „Geeegen!“ höre ich immer von vorne, also Gegenverkehr und Aufpassen, und auch keine Zweierreihe. Dabei wäre es doch schön, wenn ich mit dem Jungen da vorne ein wenig plaudern könnte. Aber es kommt ja noch der Biergarten.

Der Rheinauenpark, hier kenne ich mich wieder aus, die Brücke zurück zum Startpunkt. Wir bleiben kurz stehen, einige verabschieden sich. „Wer kommt noch mit zum Blauen Affen?“ fragt der Guide. Ich und A. sind natürlich dabei, das haben wir uns verdient. Und die Jungs kommen auch mit, sehr gut!

Ach ja, und dann noch die Sache mit den angeblich zwei Steigungen. Ich habe sechs gezählt…

Anmerkung des Redakteurs: Die Geschichte bezieht sich auf eine Tour, die vor langer Zeit gefahren wurde, damals, im Jahr Jahr 2019, also vor der Pandemie, als wir noch in Gruppen gefahren sind. Ihr könnt die Strecke natürlich auch mal alleine oder zu zweit fahren, hier ist der Link zu Komoot: https://www.komoot.de/tour/163033398?ref=wtd

Warum ausgerechnet Rübhausen?

Tatsächlich 62 Einwohner, sehenswert eine denkmalgeschützte Fachwerkscheune aus dem 18. Jahrhundert („Quertennenscheune mit Krüppelwalmdach, auf der Giebelseite verputzt“) – so steht es zu lesen in Wikipedia über den netten kleinen Weiler südöstlich von Westerhausen. Im schönen Pleiser Land gibt es unzählige dieser kleinen Wohnplätze, alleine Königswinter hat ungefähr 80 Ortsteile!

Screenshot aus Strava

Aber habt ihr euch schon mal die Karte von Strava angeschaut? Wir erkennen: Köln, Bonn, Bad Godesberg, Sankt Augustin, also alles größere Orte, aber keine kleinen Dörfchen, außer eben: Rübhausen! Was mag der Grund für diese Hervorhebung sein? Die Strava-Entwicklerin in San Francisco, deren Eltern aus Rübhausen stammen? Der kalifonische Software-Milliardär mit Grundbesitz hier? Grundstücksspekulanten, die Käufer aus Dubai anlocken möchten? Oder gibt es Leute beim RCB, die mit ihren ständigen Posts in den sozialen Medien mit #Rübhausen eine Marke entwickeln wollen, dann den Rübhausen-Kaffee verkaufen und ein Café für Rad-Enthusiastinnen und Enthusiasten aufmachen werden (@8000watt und @roar.cc lassen grüßen…)? Oder ist es eben doch nur ein Fehler in der Codierung bei Mapbox?

Egal – Rübhausen ist immer eine Radtour wert. Lasst uns diese Woche doch einfach eine Rübhausen-Challenge starten: plant eine Tour mit Rennrad, Gravel oder MTB, schickt uns eure Fotos, Strava- oder Komoot-Links, oder auch eure Instagram-Posts an @radtreffcampusbonn! Ihr habt keine eigene Strecke? Kein Problem – diese Touren aus unserem Streckenarchiv führen durch Rübhausen. Und mit „Omloop Het Rübhausen“ geht es einen etwas wirren Verlauf kreuz und quer über alle nur denkbaren Wege rund um den Ort.

Viel Spaß!

RCB RTF abgesagt – aber fahren könnt ihr trotzdem!

Ihr wisst es sicher schon – wir mussten auch unsere diesjährige, ursprünglich für den Muttertag (9. Mai) geplante RTF absagen, wie wohl die meisten Vereine.

Aber:

Ihr könnt natürlich gerne unsere Strecken ausprobieren (allein, zu zweit – aber bitte nicht in Gruppen). Startet zu einem beliebigen Zeitpunkt – und es muss nicht unbedingt die Marktschule in Beuel-Pützchen sein. Hier sind die Tracks in Komoot, so wie wir sie bereits für 2020 geplant hatten:

  • RTF Kurz (42 km/530 Hm)
  • RTF Mittel (73 km/810 Hm)
  • RTF Lang (116 km/1760 Hm)

Damit wir uns alle gemeinsam freuen können: Macht unterwegs Fotos von allem, was euch gefällt. Postet, was das Zeug hält – in Facebook, in Instagram, in Strava, in Komoot – nennt unseren Insta-Account 
@radtreffcampusbonn und ein paar nette Hashtags, z.B. #rcblove oder #venga!

Viel Spaß – und bleibt gesund!

Kochenbach und das Trikot aus den 80ern

Was man auf einer Ausfahrt so alles erleben kann.

Foto: Thomas Schmidt

Soll ich heute mal diese Kochenbach-Strecke mitfahren? Die RCB-Leute schreiben etwas von „abwechslungsreicher Strecke“ – aber wie, nur 45 km, aber 650 Höhenmeter? Und dann auch noch Gruppe 2 Pace! Das ist doch wieder so eine dieser Auf- und Ab-Strecken, die dieser Ober-Guide Thomas gebaut hat, als wenn wir hier unbedingt Flandern spielen müssten! Fehlt nur noch, dass er wieder von Kopfsteinpflaster schwärmt.

Schon wieder stehen so viele Leute am Campus, und alle so jung – die fahren in ihrem jugendlichen Überschwang gleich voll los und der Guide meint, der dürfe sie nicht aufhalten. Mal sehen.

Aha, sieben Leute in der Gruppe, zwei davon haben keine rasierten Beine. Und der eine mit seinem komischen 80er Jahre Trikot. „PDM“. Und einem Stahlrahmen. Da kann ich doch locker mithalten, wahrscheinlich bin ich der Stärkste am Berg. Der Guide erzählt noch irgendwas von vorsichtig fahren und das letzte Drittel nicht unterschätzen – ich brauche diese Erzählungen nicht!

Schießbergweg, Küdinghoven an der Kirche vorbei, kenne ich! Ich bleibe ganz locker. Immer diese alten Schienen mitten auf der Straße in Pützchen, und genau da muss man scharf nach rechts abbiegen. Vorne wird locker geplaudert. Ich bin hier hinten alleine, klar, ungerade Gruppengröße. Jetzt diese Straße, die wir sonst immer hochfahren, aber wir warten, da geht es jetzt wohl gerade aus, gottseidank, nicht gleich den Berg hoch! Ist doch ganz nett hier, direkt am Wald entlang zu fahren. Da vorne das Wohngebiet ist auch schön gemütlich, amerikanisch aussehendes Haus im Wald. Holzlar – die werden doch jetzt nicht diese „Hölle von Roleber“ hochfahren? Ein Scheiß-Ding ist das! Ich will hier nicht die Deutsche Meisterschaft fahren! Ach, nein – sie biegen links ab. Geht zwar auch hoch, aber nicht so steil. Puh – jetzt komme ich doch schon ins Keuchen! Und ich bin ganz hinten – hoffentlich werde ich hier nicht abgehängt! Ich ziehe das jetzt durch, da vorne wirds auch schon wieder flacher!

„Hoholz, da rollt’s“ höre ich mich rufen. Der Spruch ist zwar blöd, aber irgendwie muss ich mit der Gruppe mal ins Gespräch kommen. Zustimmung vorne, und der Guide lässt es auch locker rollen, offenbar war ich nicht der einzige, der vorhin ins Hecheln gekommen ist. Und tatsächlich: es geht wieder runter! Schöne Aussicht hier, da oben die Kirche kenne ich, Rott heißt das Dorf. Aber da hoch? Glaub ich nich!

Pleistalstraße, ziemlich viele Autos hier unterwegs. Gut, dass sie auf dem Radweg bleiben. Der Guide fuchtelt herum und ruft etwas von Wechseln, will wohl auch nicht die ganze Zeit hier im Gegenwind fahren. Also zwei Reihen vor, neben mir ist jetzt der Typ mit dem komischen Trikot. „Hallo“ – „Hi“. Das Rad hat auch schon einige Jahre auf dem Buckel, und diese Übersetzung! Das sind doch nur sieben Gänge, sieht nach einem 23er Ritzel aus. Wie der das alles wegdrückt!

Uthweiler – ging da nicht mal der Bonn-Triathlon hoch? Ja, da vorne, der Guide schaut sich etwas nervös um und fuchtelt mit dem linken Arm. Ist auch nicht so einfach mit dem Linksabbiegen und den schnellen Autos. Geschafft! Pferdekoppel rechts, hier scheint es ruhiger zu werden. Was? Die fahren nicht die Tria-Strecke weiter, sondern biegen rechts ab – Mann, schnell zurückschalten, das ist jetzt aber heftig! Und wie sich das hoch weiter zieht! Jetzt geht der Trikot-Typ doch tatsächlich nach vorne, locker und gleichmäßig, noch nicht mal mit dem letzten Ritzel! Bin ich gleich abgehängt? Nein, auch die anderen sind wieder am Keuchen, auch der Guide. Er ruft etwas von „oben warten“, und schon hängt er ganz hinten. Der Trikot-Typ ist schon oben – und jetzt kommt er uns wieder entgegen, gibt sich betont locker und ruft mir zu: „Gleich bist Du oben, schön gleichmäßig weiterfahren!“ Klugscheißer!

Westerhausen. Das scheint vorläufig der höchste Punkt zu sein, endlich. Keine Tempoverschärfung, die sind wohl alle etwas platt. Schönes kleines Sträßchen hier. „Rübhausen“ lese ich auf dem Schild. Bonn, Siegburg, Hennef – und Rübhausen, so stehts doch in der Strava-Karte. Eigenartig, das ist doch nur ein winziger Weiler! Die Wellen hier machen Spaß, und die Gruppe läuft gut. Jetzt gehts auch wieder ein wenig runter.

Sand. Dass man an diesen Landstraßen immer so lange zum Überqueren warten muss. Na ja, Feierabend-Verkehr. Bei uns scheints auf einer ruhigen Straße weiterzugehen, schön, da vorne das scheint Berghausen zu sein. Hier ein Häuschen besitzen und die Abendsonne genießen! Der Guide hält an, zeigt an den Horizont nach Norden. Tatsächlich – da hinten ist der Kölner Dom zu sehen! Und hier drüben das Siebengebirge, der Große Oelberg. Echt schön hier, und nicht weit weg von Bonn.

Hühnerberg, Quirrenbach – eigenartige Ortsnamen. „Was ist das denn für ein Förderband?“ frage ich den Guide. Er zeigt auf den Berg links von uns, es sei einer der letzten aktiven Steinbrüche im Siebengebirge, das Förderband geht nach unten zur Aufbereitungs- und Verladestation. Überhaupt sei hier früher alles auf die Steinbrüche ausgerichtet gewesen, es habe sogar eine Schmalspurbahn bis nach Rostingen gegeben, der Ort, der weiter vorne liegt. Der Guide scheint so ein Geschichtsfreak zu sein, mir ist das alles zu viel an Details, ich muss mich jetzt auf die Abfahrt da vorne konzentrieren! Ah – Kochenbacher Straße.

Kochenbach – war das alles, nur die paar Häuser? Und schon wieder den Berg hoch, verdammt! Der Guide ruft etwas unverständliches, klingt wie „Freie Fahrt!“ Und wieder ist der Trikot-Typ vorne. Dem zeige ich es jetzt mal, egal! Warum bin ich immer noch auf dem großen Blatt? Schalten!!! So, jetzt aber. Das zieht sich ja ewig, aber der mit seinem 23er kommt wohl auch an seine Grenzen. Ich komme näher, überhole noch einige aus der Gruppe, jetzt nur noch er. Da vorne sind Häuser – Aegidienberg? Rechts – links, jetzt kriege ich ihn! Geschafft! Leichtes Triumphgefühl. Aber was ist das – es geht immer noch weiter, wir sind noch nicht oben. Ohne mich eines Blickes zu würdigen fährt er weiter, und ich glaube einfach stehen zu bleiben, Mensch, schmecke ich Blut aus der Lunge? Jetzt lieber mal langsam machen. Die anderen sind ja noch hinten. Jetzt kommt die Hauptstraße. Wir bleiben stehen. Alle keuchen…

Wieder einige Autos, ein Penny-Markt. Habe ich da nicht mal gestanden und meinen Nachbarn angefeuert, als er von da unten beim Bonn-Triathlon hochgekeucht kam? Wir fahren jetzt runter – boah, das wird aber schnell. Und der Trikot-Typ ist wieder vorne. Kein Wunder, vorne 52-42 und hinten wohl 13, der tritt voll rein! Schöne Ecke hier, scheint das Logebachtal zu sein, aber ich muss aufpassen, Kurve rechts, Kurve links – das wars, der Schwung ist weg, schon wieder wird es zäh. Die Tria-Leute fluchen hier bestimmt auch. Kreisverkehr, da komme ich doch immer mit dem Auto durch – Ittenbach, der ganze Verkehr zur Autobahn. Die Gruppe fährt aber gerade aus, es wird gleich wieder ruhiger. Ganz nett hier, so kleine Ortsteile. Da, am Oelberg scheint es jetzt hoch zu gehen, heißt ja auch so: Oelbergring. Auch eine nette Wohngegend. Verdammt, jetzt zieht plötzlich dieser Lutscher durch, der die ganze Zeit so unauffällig mitgefahren ist. Nicht mit mir, Du Bürschchen! Schön vorbeiziehen – geschafft!

Margarethenhöhe – von hier kann es nur noch runter gehen, und zwar ordenlich und lang. Eigentlich kann ich zufrieden sein, überall gut durchgekommen bis jetzt. Da brauche ich auch nicht mehr den Helden bei der Abfahrt zu spielen. Der Guide meint auch, dass wir hier vorsichtig runter fahren sollen, viel Verkehr. Oh – sind das schon 50 Sachen auf dem Garmin? Da vorne, ein Blitzer am Straßenrand, Tempo 50-Schild. Wäre doch witzig, hier einmal mit dem Rad geblitzt zu werden…

Königswinter, geile Abfahrt! Ampel, gerade noch den Stopp geschafft. Jetzt flach, und der Guide fährt locker. Neben mir der Trikot-Typ, meint, dass seine Campa Delta Bremsen doch etwas zu hart in der Abfahrt zugegriffen hätten. Jetzt sehe ich: Das ist ja wirklich ein echter Klassiker aus den 80ern: Stahlrahmen von Concorde, Campagnolo Record Gruppe, Mavic-Felgen. Alles super gepflegt. „Ein schönes Rad“ sage ich, „und das Trikot ist wohl auch aus der Zeit, oder?“ Und dann kommt er ins Erzählen: Wie er in seiner Studentenzeit in den 80ern in der Pfalz beim „Grand Prix Weinstraße“ mit seiner Kamera am Start zwischen den Profis herumlief und seine Stars fotografierte, darunter die Leute der holländischen PDM-Mannschaft, Raúl Alcalá, Gert-Jan Theunisse und Sean Kelly. Und dass er vor einigen Jahren dieses sein Rennrad und einen kompletten Trikot-Satz in Holland gefunden habe – original von PDM 1989.

Wir sind zurück am Campus, fahren aber gleich weiter zum Blauen Affen – und dort reden wir beide noch den ganzen Abend über den Radsport der 80er.

Wollt ihr auch mal die Strecke ausprobieren? Hier auf Komoot sind die Details: https://www.komoot.de/tour/113320946?ref=wtd